07.05.2024

der die DADA

Ausstellung im Arp Museum / Bahnhof Rolandseck, 7. Juli 2024 – 12. Januar 2025

Pressekontakt: Ruth Eising | +49.(0)228.25987582 | +49.(0)160.1564308 | r.eising@re-book.de

Wilde Soireen, unkonventionelle Tanzabende, groteske Maskeraden und schrille Happenings auf offener Straße, Vorläufer von Performances – Dada war avantgardistisch und prägte die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts nachdrücklich. Die Ausstellung zeigt die noch immer weithin unterschätzte Beteiligung weiblicher Stimmen an der subversivsten aller Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts.

Mit dem unbedingten Willen die alte Ordnung zu stürzen, durchbricht Dada viele Grenzen, auch die der Geschlechter. Es ist die erste Kunstströmung, an der Frauen und Männer gleichermaßen aktionistisch an der Durchlässigkeit von Rollenbildern mitwirken. Die Werke von Dadafrauen stehen gleichberechtigt neben denen ihrer männlichen Kollegen, die ihre Geschlechtlichkeit angesichts von Krieg und Militarismus neu und teils transitorisch inszenieren. In Kunstwerken aller Gattungen, Malerei, Objekten, Fotografien, Film, historischen Dokumenten, Texten und grafischen Entwürfen spürt die Ausstellung der Vielfalt der Avantgardebewegung nach.

Künstler*innen:
Sonia Delaunay, Marcel Duchamp, Suzanne Duchamp, Elsa von Freytag-Loringhoven, George Grosz, Marta Hegemann, John Heartfield, Emmy Hennings, Hanna Höch, Man Ray, Kurt Schwitters, Luise Straus, Fritz Stuckenberg, Sophie Taeuber, Beatrice Wood und viele weitere.

Um den performativen, zeitbasierten und gattungsübergreifenden Charakter der Dada-Bewegung in der Ausstellung sichtbar werden zu lassen, haben Susan Philipsz, Barbara Visser, Brygida Ochaim, Nora Gomringer und Dirk von Lowtzow mit eigenen Beiträgen Widerhall in unserer Zeit geschaffen.


Am Freitag, 5. Juli 2024, 11 Uhr findet ein Presserundgang mit Dr. Julia Wallner, Kuratorin und Direktorin des Arp Museums statt.


Die große Dada Sommerausstellung 2024 im Arp Museum zeigt die noch immer weithin unterschätzte Beteiligung weiblicher Stimmen an der subversivsten aller Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts und die ungeheure Sprengkraft, die sich aus diesem historischen Umbruch entwickelte. Zugleich zeigt sie Männer, die trotz all ihrer Widersprüchlichkeiten Geschlechtlichkeit neu und teils transitorisch inszenieren und von alten Zuschreibungen lösen. Dada gerät damit zur ersten Kunstströmung, in der Frauen wie Männer aktiv und aktionistisch an der Durchlässigkeit von Rollenbildern wirkten. Gleichwohl waren und sind die Frauen des Dada in den langen Schatten der selbsterklärten Gründungsväter in Zürich, Berlin, Paris und New York nahezu unsichtbar geblieben.

Elsa von Freytag-Loringhoven, Emmy Hennings, Sophie Taeuber, Céline Arnauld, Hannah Höch, Nelly van Doesburg und viele weitere Frauen prägten die avantgardistische Dadabewegung in einem nicht zu unterschätzenden Maße. Systematisch jedoch wurden die Dadafrauen und ihre initiatorische Beteiligung an der Bewegung in der Nachkriegserzählung von der Kunstgeschichte und fatalerweise sogar von ihren männlichen Kollegen kleingeredet oder herausgeschrieben. Biografien und Werke gerieten in Vergessenheit, wie das von Céline Arnauld, die in Paris ein dadaistisches Manifest herausgab. Sie ist die einzige Frau auf einem ikonisch gewordenen Gruppenbild unter 10 Männern, darunter Tristan Tzara, Paul Eluard, Francis Picabia und André Breton.

Noch heute ist der künstlerische und soziale Impetus der dadaistischen Avantgarde spürbar und prägt die Kunstgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert nachdrücklich. Schwellen von Kunst und Leben standen erstmals zur Disposition und in den grenzüberschreitenden Kunstaktionen findet der ephemere Charakter situationistischer Kunst, von Happening und Performance wichtige historische Vorläufer.

Während die meisten Männer nach dem Krieg vom fulminanten Ruf der internationalen Bewegung mit seinen weit ausstrahlenden Zentren zehren und künstlerisch aufbauen konnten, waren die Biografien der Frauen gebrochener. Die Berliner Künstlerin Hannah Höch, gleichwohl eine der prominentesten Mitglieder der Gruppe, lebte über lange Zeiträume in großer Armut, das Gedächtnis an Sophie Taeubers radikales wie eigenständiges Werk wurde hauptsächlich durch ihren Mann Hans/Jean Arp weitergetragen. Erst in den letzten Jahren erscheinen ihre Werke ebenbürtig zu seinen in internationalen Ausstellungen. In der Regel werden diese unter dem Stern der „Wiederentdeckung“ gefeiert und im Zuge der Revision des Kanons als Ergänzung des zuvor männlich dominierten Diskurses gesetzt.

Der ephemere Charakter performativer Akte und zeitbasierter Kunstformen zeichnet die Gründungsgeschichte Dadas aus, so waren wilde Soireen, unkonventionelle Tanzabende, groteske Maskeraden und schrille Happenings auf offener Straße, wie die der New Yorker Dada Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Teil der Bewegung Die subversive Kraft des Dilettantismus wurde dabei ebenso ausgerufen wie die Weltrevolution durch eine poetisch veränderte Sicht auf die Welt, die durch die Kriegserfahrung zum „sanktionierten Unsinn“ (Hans Arp) geworden war. Vehement wurde gleichsam ein offener Umgang mit Sexualität praktiziert und propagiert und fand in dieser antibürgerlichen Matrix an die Lebensreform und die Frauenbewegung Anschluss. Auch hier zeigt sich selbstredend die Rolle der Frauen die diese in ihren Schriften intensiv bearbeiteten, wie zum Beispiel Emmy Hennings, die zu den Gründungsmitgliedern des Züricher Dadakreises gehört.

Die revolutionäre Erweiterung des Kunstbegriffes ermöglichte es den Frauen zunächst, auf Augenhöhe sichtbar zu werden, erschwerte jedoch deren Wahrnehmung im historischen Abstand, mit dem Dada Teil der Kunstgeschichte wurde. Vieles ist nicht erhalten oder wird nur in retrospektiven Texten beschrieben.

Verschiedene Ausstellungen zum Dadajubiläum 2016 haben grundsätzlich eine um die Beteiligung der Künstlerinnen erweiterte Perspektive auf Dada vorgeschlagen, der Blick auf transformative Rollen und die Thematisierung von Sexualität und Geschlecht ist jedoch bislang nicht erfolgt, begründet sich jedoch elementar aus der Geschichte der Bewegung. Die Ausstellung spürt auf einer Fläche von circa 600 Quadratmetern mit einer Vielzahl von künstlerischen Werken aller Gattungen, Fotografien, Film, historischen Dokumenten, Texten und grafischen Entwürfen der verdeckten Pluralität der Dadabewegung nach. Zugleich thematisiert sie die Vielfalt und Fluidität propagierter Geschlechtlichkeiten in der Avantgarde, die einer stärker stereotypisierten Erzählung wichen und erst heute, unter der Perspektive aktueller künstlerischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, wieder sichtbar werden.

Um den performativen, zeitbasierten Charakter der Dadabewegung in der Ausstellung sichtbar werden zu lassen, werden zeitgenössische Künstler*innen eingeladen, den historischen Raum zu aktivieren und Inhalte in eine heutige Zeit zu transferieren. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin Susan Philipsz wird eine Klanginstallation entwickeln, die auf die Präsenz des gesprochenen und gesungenen Wortes für Dada reagiert. Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic, liest Texte der Dadakünstler*innen zu verletzlichen, fluiden Geschlechterkonzepten. Eine Tanzperformance von Brygida Ochaim bringt die hypnotischen Tänze von Irma Vep, alias Musidora, in die Gegenwart.

Meine Lebensentwürfe entstanden, während ich auf einem Spirituskocher im Babybrei rührte – und meine besten Zeichnungen hinter einem Ofen, der umgeben war von einer Wäscheleine voller Kinderkleidung, die zum Trocknen aufgehängt war.“ MINA LOY

Ich bin der große Derdiedas das rigorose Regiment der Ozonstengel prima Qua der anonyme Einprozent. Das P. P. Tit und auch die Po Posaune ohne Mund und Loch das große Herkulesgeschirr der linke Fuß vom rechten Koch. Ich bin der lange Lebenslang der zwölfte Sinn im Eierstock der insgesamte Augustin im lichten Zelluloserock.“ HANS ARP, OPUS NULL

Dr. Julia Wallner, Kuratorin, Direktorin Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Helene von Saldern, Wissenschaftliche Assistentin
Joëlle Warmbrunn, Wissenschaftliche Volontärin